Rückblick 2013 – Ein Jahr mit Otto Normalverbraucher

„Weißte noch Sichlinde“, schallt es an einem nebligen Montagmorgen durch die Küche von Otto Normalverbraucher, als dieser mit dem Handy in der Hand und der Zeitung vor der Nase irgendein Fachwort im Jahresrückblick seiner Tageszeitig nachschlagen will. „Weißte noch, dammals, als se inne Zeitung noch nicht mit diese komische Worte um sich geschmissen haben. Dat war noch ne Zeit….“.
Bereits ahnend, was sie erwartet, entgegnet Sieglinde nur „Dammas, Otto, bist du um diese Zeit noch vor die Tür gestanden und hast geraucht“ ehe sie sich schnell ins Wohnzimmer begibt um fern zu sehen. Otto hingegen ist wieder mal total in die Zeitung versunken und erinnert sich zurück an das inzwischen vergangene Jahr…

Gleich bei den ersten Gedanken an den Januar ist Otto wieder auf 180. „Weißte, watt die da mit dem Menschen da von die FDP gemacht haben“, flucht er lauthals los, „datt war ja wohl unter de unterste Gürtellinie wo man haben kann.“ Der Herrenwitz und die Affäre rund um Rainer Brüderle und sein angeblich sexistisches Verhalten hatte Otto schon von Anfang an nicht nachvollziehen können. „Das war schon bei mein Oppa was ganz normalet“, hatte er in der Kneipe damals argumentiert und auch seine Stammtischkollegen, selbst die Edeltraut, hatten ihm da zugestimmt. Kurz nach dem großen Aufschrei um den Herrenwitz hatte der ‚Schönwetter-Katholik‘ Otto schon den nächsten Grund gefunden, der ihn am Jahr 2013 so richtig störte. „Watt glaubt der ollen Bazi denn watt er is“, hatte er am Stammtisch groß geflucht, als einer seiner Saufkumpanen den Rücktritt von Papst Benedikt XVI angesprochen hatte. „Wenner dat nicht mehr kann, soller halt dat halt vonnet Fenster machen, wie der ollen Pole vor ihm“, argumentierte Otto immer wieder, wenn es um die gesundheitlichen Gründe, die zum Rücktritt des Papstes geführt hatten, ging. Sieglinde hingegen, Ottos Frau, hatte mit dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI weniger Probleme. „Ich halt von denne ganzen Oimels in diesen Kleidern eh nichts“, setzte sie Otto trocken entgegen, als er in der heimischen Küche anfing loszuschimpfen.

Die bloße Härte des Lebens bekam Otto – er war nach dem Papst-Rücktritt aus der Kirche ausgetreten – dann Anfang Juni zu spüren. Während des ‚Jahrhunderthochwassers‘ stand nämlich sein Keller unter Wasser und damit auch seine heißgeliebte Modelleisenbahn. „Jahre meinet Lebens hab ich in diesen Keller verbracht um datt so zu schaffen“, flennte Otto, als er nach drei Tagen endlich auch den letzten Rest Schlamm aus die Ecken gekratzt hatte. Noch schwerer als die "abjesoffene Modellbahn" wog für Otto aber das Verhalten der Kanzlerin. „Diese ollen Schreckschraube“, fluche Otto los, als er im Fernsehen sah, wie Merkel sich die Flutschäden aus der Luft ansah. „Dammals, als das noch diesen Schröder da in Berlin gemacht hat, da war datt ja watt janz anners, “ schnaubte Otto los. „Weiße noch Siechlinde, der is ja dammals mitte Gummistulpen über de Füß hier durche Gegend gelaufen und hat auch mal watt inne Pfoten genommen und zugepackt. Diesen Schreckschraube da vonne CDU is wieder nur inne Luft und macht ihren komische Raute mitte Hände. Wählen tu ich die nimmer, “ fügte er schließlich noch an und untersagte schließlich sogar seiner Frau, fortan irgendwelche Flutberichterstattungen zu kucken.

Besser wurde Ottos – nach der Flut durchgehend – miese Laune erst wieder, als er auf der Toilette in einer der „Weiber-Zeitschriften“ seiner Frau von der bevorstehenden Geburt des Kindes von „Kähte und dem William da“ lesen konnte. Denn heimlich war Otto, spätestens nach dem Thronjubiläum der Queen, ein bekennender Royalist geworden. Nachdem Otto kurz darauf seine Frau angespitzt und ausgefragt hatte, verbrachten er Stunde um Stunde vor der Flimmerkiste, um auch ja nichts relevantes zu verpassen. Als das „Blach“ dann endlich das Licht der Welt erblickt und die zahlreichen Fernsehsender sich in ihrer Berichterstattung mit Meldungen zum royalen Baby überschlugen, fing Otto dann wieder an über eine Monarchie in Deutschland zu sinnieren. „Schlössers hammer ja genuch hier überall, weißte Siechlinde“, fing er bei laufendem Fernseher zu sinnieren an, „Und den ollen Prinz vonne Preußen da, also nich der wo immer prügelt, sondern der wo der Oppa oder so noch eine von die Kaisers war, weißte Sichlinde, “ sprudelte es nur so aus ihm raus. Statt einem neuen Deutschen Kaiser gab es zu Ottos Leidwesen jedoch nur die Bundestagswahl. „Die machen ja nich mal mehr Wahlkampf oder sonstwatt,“ hatte Otto bereits kurz nach Beginn der heißen Phase geflucht. „Weiße, wenne damals denkst, was da war, als noch die Schröder Kanzler war, oder dammals, als der Schmidt da wiedergewählt, da hammse noch richtig umme Wählerstimmen gekämpft,“ lautete nicht nur bei Otto am Frühstückstisch, sondern vielmehr auch in seiner Stammkneipe der Tenor. Als dann sogar die CDU auf den klassischen Haustür-Wahlkampf verzichtete, wurde es Otto dann wirklich zu bunt. „Wenn die Ollen von die Merkel ihre Partei nichmal mehr fragen, ob ich die dummen Nuss denn wähle, dann krich se meine Stimme wirkich nimmer.“ Konsequent wie selten behielt Otto seine Meinung dann bei und mache seine Kreuzchen schlussendlich bei der AFD. Den Wahlabend verbrachte Otto dann gemeinsam mit seiner Frau Sieglinde vor dem Fernseher. „Dieset Krams mitte Prognoses is ja schon ne dufte Sache“, meine Otto schon kurz nach 18 Uhr und öffnete kurz drauf die erste Flasche Pils auf „datt ausscheide vonne Lüchner da um dieset komischen Asiaten da". "Weißte Sichlinde, diesen da wo uns noch versprochen hatte, dass datt mit die Steuer nu dann wenicher wird.“ Nachdem Otto am folgenden Morgen dann mit einem Blick in die Zeitung das vorläufige amtliche Endergebnis vor Augen hatte, verging ihm die Freude über das Ausscheiden der FDP schlagartig. „Gez hamma schon diese gelben Affen ausm Parlament geschmissen und trotzdem kriegen et die Sozen nich geschissen, die Mutti von ihrem Thron da zu schubsen, “ schnaubte Otto und beschloss, den Rest der Woche nicht mehr in die Zeitung zu blicken. Durchgehalten hat er diesen Vorsatz dann aber genau so wenig wie jene, die er sich noch am Sylvester-Abend des Vorjahres gemacht hatte.

So richtig auf die Palme gebracht hat Otto dann „dieset Prunkgedösel vonnem komischen Bischoff da.“ Passend zu Ottos der Kirche gegenüber eh schon abgeneigten Stimmung – er war wegen des Rücktritts von Papst Benedikt XVI ausgetreten – war der Millionenbau von Franz-Peter Tebarz van Elst in allen Medien. „Wenne dich mal ankuckst wasse da inne Kirche schon fürn Prunk machen, eh allet von unsern Steuergelder finanziert, dann fasste dich doch an Kopp, dass diesen ‚Penner‘ da mit seine Bagage noch sonnet Palast bauen muss. Die solln sich von ihre Kohle n kleinet Häusken kaufen oder sowat altes watt se ja eh schon haben renovieren“, meinte Otto zu seiner Frau Sieglinde. „Weiße, wir müssen ewich watten bis wir unsern Kohle wegen de Flut vonne Merkel bekommen, und diesen ollen Bischof baut sich dann aber sonne fetten Villa da vor die Kirch. Datt is doch nich richtig.“ Dass der Papst seinen Bischof dann nicht einmal sofort gefeuert, sondern ihr viel mehr „innet Kloseter aufn Urlaub“ geschickt hat, war für Otto der letzte notwendige Beweis dafür, dass „in dieset Verein da nich alles mitte rechten Dinge zugeht“.

…“Aber weiße was, Siechlinde“, raunte Otto schließlich los, als sein Kaffee längst kalt und die Zeitung ausgelesen war, „dat war gez doch nich ganz so n schlechtes Jahr gewesen.“