Kapitalismus: Problemkind ohne Zukunft?

Der Kapitalismus ist seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland die zunächst in der Bonner- und seit der Wiedervereinigung auch in der Berliner Republik das wirtschaftliche Fixum unseres Landes. Gut umhüllt von den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft hat sich der Kapitalismus in Deutschland lange Zeit durchaus als Salonfähig und zukunftstragend erwiesen ohne dabei derart aggressive Ansätze zu zeigen, wie es beispielsweise in den USA der Fall ist.

Inzwischen kann man dazu durchaus auch anderer Meinung sein. Der Kapitalismus in Deutschland ist längst zu dem Monster erwachsen, dass in den USA tausenden ihr Haus geraubt hat oder Krankenversicherungen für Kleinverdiener unerschwinglich macht. Statt sozialer Ausprägung entwickelt sich auch hier in Deutschland immer mehr eine – wenn auch noch abgeschwächte Form – der freien Marktwirtschaft.

Besonders drastisch zeigt sich das in einigen wenigen, aber durchaus entscheidenden Feldern des Zusammenwirkens von Staat & Unternehmen, den der in den USA schon lange geltende Trend Gewinne doch möglichst in Steuerparadiese zu verschiffen, die Verluste aber möglichst dort geltend zu machen, wo es die größten steuerliche Vorteile dafür gibt ist auch hier in Deutschland längst angekommen. Immer wieder werden Millionengewinne am Fiskus vorbei ins Ausland geschafft und die Aktionäre an den Börsen mit üppigen Dividenden versorgen zu können, während in Berlin gleichzeitig mit massivem Lobbyaufwand dafür gesorgt wird, dass sich die Politik ja nicht gegen diese Machenschaften stellt.

Und dort – im Zentrum unserer politischen Elite – treffen die Unternehmensvertreter immer wieder auf offenen Ohren, wenn es darum geht das ein oder andere Gesetzt so zu verändern, dass es den Unternehmen nicht zu gefährlich wird, Gesetze zu schaffen, die zweifelhafte Unternehmensmaßnahmen abzusichern oder steigende Kosten abzuwenden Das sogenannte Möwenpick-Gesetz mit dem das Kabinett Merkel II seinen Einstand feierte ist dabei nur ein, wenn auch sehr gelungenes, Beispiel für dies arge Verstrickung von Politik und Wirtschaft, die in gewisser Weise eigentlich in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen.

Zumeist jedoch scheint dieses gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Gesetzgeber und Arbeitgeber in den letzten Jahrzehnten jedoch zu einem einseitigen der Politik geworden zu sein. Immer wieder werden in Berlin Maßnahmen beschlossen, die es den Unternehmen leichter machen. Selbst der Mindestlohn wurde durch die große Koalition derart ausgehöhlt, dass er den meisten Unternehmen ausreichend große Schlupflöcher bietet. Und von einstigen Garanten des deutschen Solidarsystems – wie zum Beispiel der Parität bei den Krankenkassenbeiträgen – ist heute schon lange nichts mehr übrig. Versuche diese wiederherzustellen werden mit dem Mantra der deutschen Wirtschaftslobby "Das wird tausende Arbeitsplätze kosten" immer wieder abgelehnt oder auf die lange Bank geschoben. Manchmal scheint es inzwischen fast so, als sei es nicht mehr die Aufgabe des Staates ein gerechtes Klima für alle Bürger zu schaffen, sondern nur noch dafür zu sorgen, dass die Unternehmen die in Deutschland tätig sind genügend Mittel und Möglichkeiten zur Verfügung haben um ausreichend Gewinne für die oberen 10 Prozent zu scheffeln.

Das Ergebnis ist ein System, dass schon seit Jahren neben der Spur fährt und nach und nach die Arbeitnehmer*innen vergisst. Pegida & Co. sind also nicht nur eine Folge von gesellschaftlicher Radikalisierung, sondern auch von der Hörigkeit der Politik gegenüber der Wirtschaft. Wenn dauerhafte Gewinne privatisiert und Verluste verstaatlicht werden, dann muss leider damit rechnen.

Ich denke, es ist Zeit für eine neue Wirtschaftsform. Eine die sich nicht mehr nach den Interessen derjenigen welche Haben richtet, sondern ein ganze einfaches Ziel hat: Im Kollektiv zu denken, zu handeln und zu wirtschaften. Und nein, ich meine weder den Marxismus noch den Sozialismus, ich denke eher an eine neue Form. Den Kollektivismus

Würde unsere politische, wirtschaftliche & gesellschaftliche Denke wieder von Ich-Prinzip dieser Tage abrücken, könnten sich dermaßen viele neue Mittel und Wege ergeben um den Reichtum einer Gesellschaft deutlich besser zu verteilen ohne gleichzeitig dem zwanghaften Gedanken alle gleich machen zu wollen. Mit verpflichtenden Gewinnbeteiligungen für Arbeitnehmer, Parität bei sämtlichen Sozialversicherungen und einer von der Wirtschaft mitgetragenen Bildungsabgabe könnten wir viele zentrale Probleme unserer Zeit bereits jetzt lösen. Gehen wir als Gesellschaft diesen kollektivistischen Weg dann konsequent weiter können wir sogar Vorzeigeprojekte wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, gänzlich kostenlosen ÖPNV und vieles mehr finanzieren. Dafür jedoch scheint Ich-Deutschland leider noch nicht bereit.

Photo: CC-BY-NC Julie Falk / flickr.com