„Ich weiß nicht“, raunt Otto Normalverbraucher, als er morgens am Frühstückstisch sitzt, seinen Kaffee schlürft und in der Zeitung – sie gehört für ihn einfach zu einem guten Morgen – blättert. „Dammals, ja dammals, gingen die Jahre nich so schnell vorbei. Dat war da noch anners. Gez isset ja so, dasse die Jahresrückblicke quasi im Wochenrhythmus liest.“ Dann widmet er sich wieder ganz dem bedruckten Papier, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Er liest von Skandalen, Todesfällen, natürlich von Griechenland und und und….

…und dann fängt er an zu Überlegen. „Dammals, dat war im Januar. Samma weißte noch Siechlinde, dem ollen Wullf sein Kram? Hatte der nicht das Haus, oder war das nur seine Frau, die dem letzt dieses Buch geschrieben hatte….“ Viel lieber regt sich Otto derzeit ja über die Griechen auf. „Wemmer hier bald auch Krise haben, dann sind da die ollen Tzaziki-Fressen dran schuld“, flucht Otto, während er sich ein Stück Feta aufs Brot legt. Wie es richtig geht, so meint zumindest Otto, hätte man während der Europameisterschaft sehen können. „Dort haben unsere Jungs mal gezeigt, was sie von Sirtaki und Co. halten“, wettert er auf einmal los. Aber auf seine Tirade folgt ein leichtes Seufzen. Auf einmal hat Otto wieder die Italiener vor den Augen, wie sie nach dem Erfolg im Halbfinale feierten. „Drecksmistscheiße, das kann doch nicht wahr sein, immer und immer und immer wieder“, hatte Otto damals schon geschimpft. Heute kann er diesen ‚komischen‘ Torschützen „Ballogetthi, oder wie der hieß“ immer noch nicht leiden, seinen reflexartig ausgerufenen Italiener-Boykott hingegen hat er keine vier Wochen durchgehalten.

Nach dem Misserfolg der Löw-Elf war für Otto der Spaß am Fußball dann auch so plötzlich wieder vorbei wie bei den meisten Deutschen. Nur die Fähnchen am Auto-fenster hatten noch ein wenig länger eine Daseinsberechtigung. Otto hat nämlich Urlaub in Frankreich gemacht. Dort war gerade Francois Hollande zum Präsidenten gewählt worden. „Watt der Franzmann wählt is mir ja eigentlich schnuppe“, hatte Otto nach dem medialen Hype um Angela Merkels Wahlkampfunterstützung für Nicolas Sarkozy gesagt. Verwundert über den Erfolg des Sozialisten war der eher konservative Otto am Ende dann aber doch, irgendwie zumindest.
Was über das Jahr gesehen sonst so in Europa passiert ist, hat Otto, wenn es nicht gerade um irgendwelche Schulden, Kredithilfen oder anderweitige finanzielle Unterstützung für andere Staaten ging, relativ wenig interessiert. Nur die Diskussion um die Zukunft des Euros hat Otto und seine Stammtisch-Kollegen wieder so richtig in Rage gebracht. „Wären wa dammals bei de gute alte Mark geblieben, ker watt ging uns dat heute gut“, konnte man mehr als einmal laut und deutlich in Ottos Stammkneipe vernehmen. Noch angeregter wurden die Diskussionen nur, als es um das ganze Brimborium um das Thronjubiläum der Queen ging. „Mensch watt machen die da ein Uffriss wegen diese ollen Frau“, hatte Otto geschimpft, als er mit seiner Frau die Feierlichkeiten in der heimischen Flimmerkiste verfolgen durfte. „Überleg mal, watt hier los wäre, wenn der Gauk nach seiner Wahl sonne Party geschmissen hätte“, hatte sich Otto gedacht. Die Vorstellung einer deutschen Monarchie fand er dann aber doch nicht so ganz abwegig.

Richtig begeistert vom royalen Glanz war Otto dann während der beeindruckenden Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London. „Wie der Bond da mitter Queen, und dann dat Ding mim Fallschirm, überlech mal watt dat gewesen wär, unser Präsident, oder, noch besser, die Änschiee…“
Aber nun ja, dann haben Otto wieder nur die Medaillen für das eigene Land interessiert – Mitsingen bei der Hymne inklusive. Nach den Spielen war für Otto dann jedenfalls klar, dass er seinen nächsten Urlaub auf der Insel verbringen will: „Da rechnets ja doch nich so häufich wie gedacht. Datt kann man dann wohl ma machen.“

Dass Zwischendrin in Deutschland auch noch Landtagswahlen waren, hat Otto inzwischen fast komplett vergessen. Nur dass in NRW Hannelore Kraft im Amt bestätigt wurde, hat er noch gut in Erinnerung. „Die freut sich ja sogar richtig“, war seine erste Schlussfolgerung der Ansprache der frisch wiedergewählten Sozialdemokratin. Insgesamt ist Otto aber eher nicht an Politik interessiert. Anders wird das nur, wenn es irgendwo wieder etwas zu meckern gibt. In deutschen Boulevard-Medien sind in solchen Fällen Doktortitel inzwischen ein gefundenes Fressen. Auch Otto pflichtet inzwischen beim ersten leichten medialen Verdacht gegen einen Spitzenpolitiker gerne seinen Stammtisch-Kollegen bei, wenn es darum geht, gegen den Betroffenen zu wettern. „Nur Lügner und Betrüger da in Berlin, ich hab es schon immer gewusst“, fluchte Otto zum Beispiel, als der erste Verdacht gegen Annette Schavan laut wurde.
Noch lieber als auf Minister mit zweifelhaften Doktortiteln schimpft Otto aber inzwischen auf den Kanzlerkandidaten der SPD, Peer Steinbrück. „Der mit seine ganzen Vorträge da, watt der da für Kohle mit macht. Datt soll unsern Kanzler werden? Der is doch nur fürde Banke dann da. Solln die sich mal n Beispiel an die Obama da inne USA nehmen. Dat is n Politiker wie ichn mag. Weißte, so gradlinich und direkt“, hatte Otto noch vor der Wahl in den Vereinigten Staaten erzählt. Die US-Wahl direkt war ihm dann reichlich egal. Nur das Ergebnis musste stimmen. Tat es am Ende ja auch.

„Eigentlich,“ so stellt Otto aber fest, als er den letzten Schluck Kaffee getrunken hat, „eigentlich war 2012 gar kein so schlechtes Jahr. Mittem Nobelpreis für die EU hat das ja sogar noch watt zu feiern gegeben, wir sind ja alle so ein bissken EU.“