I. Das große Dunkel
Von Königen und einem großen Krieg

„Im Namen des Königs wird hiermit  verlautbart, dass all jene, welche fähig sind, Dienst an der Waffe zu  tun, sich erheben. Unter dem Banner unseres Reiches und denen unserer  Nachbarn werden wir ein hoffentlich letztes Mal in unserer Zeitrechnung  gen Osten ziehen, um dem Treiben der verdorbenen Priestern, den  Entweihern der Ruhestätte unserer Urväter, Einhalt zu gebieten.Es  ist an der Zeit, denn das Dunkel droht auch unseren Himmel zu erreichen.  Deswegen erhebt euch Bürger von Hyrata. Greift zu den Waffen und folgt  eurem Herrscher. Kämpfet, auf dass die Sonne erneut über unserem Reiche  ihren Zenit findet.“

Es waren keine zwei Monde vergangen, nachdem sich die Herrscher der fünf Reiche, welche in jenen Tagen den Kontinent der aufgehenden Sonne unter  sich aufteilten, getroffen hatten, da hallten die Stimmen der  ehrenwerten Herolde von Kapura, dem König von Hyrata, durch die Gassen  der Städte seines Reiches. Sie wurden vernommen bis in die entlegensten  Winkel seines Reiches und weit darüber hinaus.

Die Bedrohung aus dem Osten war nicht neu. Bereits vor über 8000 Jahren  haben die einst geachteten hohen Priester der Zitadelle der Ahnen Verrat  an ihren Werten geübt. Aus Gier und Niedertracht heraus schändeten sie  die Leichname, die ihnen die großen Völker dieser Welt anvertraut  hatten. In einem grausamen Ritual erweckten sie das Böse, das in den  Tagen von Kapura nun die Existenz, nicht nur der Reiche von Sol Oritur,  sondern die der ganzen bekannten Welt bedroht.

Die Ältesten unter den Muftis der Gilde der Baumgelehrten hatten bereits  in den ersten Tagen der dunklen Bedrohung vorhergesagt, dass diese neue  Macht am Horizont den Niedergang der Menschheit besiegeln kann. Immer  wieder haben sie die stolzen Könige ersucht, sich gemeinsam der neuen  Bedrohung zu stellen. Immer wieder waren sie abgewiesen worden.  Durchsetzt von falschem Stolz und selbst zu sehr besessen von der  eigenen Macht, waren Könige in jenen Tagen nicht in der Lage zu sehen,  welch Schrecken sich zusammenbraute.

Argrald, Früst Gry, König von Dyphretor verkroch sich hinter die hohen  Mauern der Festung Gry, die einst seine Urahnen erbaut hatten. Hier, so  war er sich sicher, konnte das Böse ihn nicht heimsuchen. Ähnlich  verhielt sich auch Illserion X, der König der Cyrifaten. Aaren Thalor,  seine Hautstadt, war nie gefallen. Der schmale Pfad hinauf bis zum große  Tor war schmal und matschig. Schwer bewaffnete Truppen fanden hier kein  Durchkommen. Estra, die Königin von Lophrat, hingegen glaubte, mit  ihren schnellen Schiffen jederzeit in Sicherheit gelangen zu können.  Ähnlich waren auch die Gedanken von Sidomir, dem großen Anführer und  König der Katalen. Und Hyrdoric XVII, König von Hyrata und Urgroßvater  von Kapura, hielt es für sinnvoller, eine Festung am anderen Ende der  bekannten Welt zu errichten, statt dem Rat seine Weisen zu folgen.

Nun jedoch war der Zeitpunkt gekommen, an dem es den Weisen des Baumes  gelungen war, alle Herrscher zu versammeln. Anoretha war zu diesem  Zeitpunkt bereits an die dunklen Mächte gefallen, Die Grenztürme von  Katalya längst geschliffen. Die Heere von Dyphretor, Cyrifata und  Lophrat waren durch Bürger- & Bruderkriege beinahe aufgerieben und  die letzten Truppen, die dem König der Katalen noch zur Verfügung  standen, hatten sich in Crayum verschanzt – belagert von den Mächten des  Dunkeln und bedroht von marodierenden Truppen aus Lophrat. Es war  dunkel geworden. Die Muftis hatten es schon lange gesehen und doch  steuerten die Menschen immer weiter auf die Katastrophe zu.

Jetzt, im wohl allerletzten Moment jedoch schien die Vernunft  einzukehren. Seit bereits sieben Monden saßen sie alle gemeinsam an  einem Tisch. Seit sieben Tagen schwiegen die Schwerter auf den  Schlachtfeldern der Menschen. Und dann geschah es. Kapura, König von  Hyrata erhob seine Stimme und erklärte sich bereit alle kampffähigen  Männer seines Reiches zu mobilisieren, um an der Seite seiner Brüder im  Throne das Dunkel ein für alle Mal aus den Landen der aufgehenden Sonne  zu vertreiben. Lange hatte er mit sich gerungen, mehr als ein mal war er  bereit, auf die Dämmerwacht überzusiedeln und seine Länder dem Verfall  zu überlassen. Nun jedoch, das wusste er, war es an Ihm über das  Schicksal aller zu richten. Und so sagte er: „Meine Brüder, seit  hunderten von Jahren erhebt ihr die Schwerter gegeneinander, bringt Leid  über euer Volk, lasst euch leiten von blindem Hass, von Niedertracht  und Habgier. Es ist an der Zeit, dem ein Ende zu setzen. Ich will  gemeinsam mit euch gen Osten ziehen. Gemeinsam können wir die Finsternis  zurückdrängen und den Himmel über unseren Landen von der Dunkelheit  befreien.“ In den darauf folgenden Stunden schien der Mond heller, als  er es zu Lebzeiten der Weisen je getan hatte. Er war, so heißt es in den  Sagen, ein Zeichen der Hoffnung. Mit neuem Mut im Herzen schworen sich  die 5 Könige, niemals mehr das Schwert gegeneinander zu erheben. Sie  erkoren Kapura zum Ersten unter Gleichen. Er sollte fortan über das  Schicksal des Kontinents bestimmen. Und so schworen sie es sich,  gesegnet vom Ältesten aller Muftis.

Kaum hatte er seine Hauptstadt, Sol Arrat, erreicht, ließ Kapura die  Heerschau beginnen. Die Herolde strömten in die Nacht, die Schmiede  ließen mit ihren Hämmern das Lied von Krieg und Tod erklingen. Es fielen  binnen weniger Tage ganze Wälder und selbst in den ältesten Schächten  wurde noch das letzte bisschen Metall aus dem Berg geholt.

Niemand wusste in diesen Tagen der Vorbereitung, was auf dem  Schlachtfeld zu erwarten sei. Doch selbst die grausamsten Erzählungen  von verunstalteten Menschen, Untoten, Geistern und grausamen Qualen  vermochten es nicht, die Männer zu erschrecken. Zu sicher war der Tod,  zu deutlich war der Untergang am Himmel. Es sollte der letzte große  Krieg der Menschen werden. Das letzte Blutvergießen auf dem Kontinent  der aufgehenden Sonne. Ein letzter Ritt ins Ungewisse.

Anoretha, gelegen auf einer Insel, verbunden mit dem Festland durch nur  eine Brücke -gleichwohl jedoch nur schwer zu verteidigen-, sollte das  erste Ziel der neuen vereinten Streitmacht der fünf Königreiche sein.  Wenngleich die Insel strategisch nicht von besonderer Bedeutung war, für  die Moral der Soldaten zu Fuß und zu Pferd würde es ein immenser Schub  sein, sollten sie die Hauptstadt der Katalen von den Mächten des Bösen  befreien.

Es war ein besonders grauer Morgen, als sich tausende und abertausende  Soldaten bereit machten, das Böse zu überrennen. Auf den roten Bannern,  die die stolzen Ritter ins Feld führten, prangten goldene Sonnen und  selbst die einfachsten Soldaten hatten ihre Rüstungen mit gelber Farbe  verziert, ehe sie nun zu dem Donnern der Trommeln in die erste Schlacht  zogen. Über Tage hinweg rollten sie, Welle für Welle auf die Barrikaden  zu, machten eine nach der anderen dem Erdboden gleich und standen  schließlich in mitten der verkohlten Überreste einer stolzen Stadt. In  Anoretha wehten wieder die Banner der Menschen und die Gesänge der  triumphierenden Soldaten schalten weit über die Meere, gar bis ins  entfernte Amnoon.

Getragen von einer der Welle der Euphorie, schlossen sich immer mehr  Freiwillige dem Heer an. Selbst aus den entlegensten Winkeln der Gebirge  zogen ganze, noch immer autonom lebende Stämme hinab auf die Felder, um  sich dem Kampf anzuschließen. Und es sollten noch viele Schlachten  folgen.

Auf den Feldern von Crayum stieg im 120. Jahr des gemeinsamen Krieges  eine der wohl größten Schlachten, die die Menschheit je gesehen hat.  Überlieferungen berichten von mehr als hunderttausend Mann, die sich  unter den roten Sonnenbannern versammelt hatten. Die Schergen des Bösen  hatten hier ihr Feldlager errichtet. Hier ersuchten sie in grausamen  Zeremonien die dunklen Mächte um Beistand. Und hier wurden sie von einer  Streitmacht sondergleichen dahin geschlachtet.

Das Böse jedoch bäumte sich nach dieser großen Niederlage noch ein  letztes Mal auf. Begleitet von einem tosenden Gewitter, stürmten sie wie  aus dem Nichts kommend auf Anoretha zu. Getrieben von blindem Hass,  versuchten sie alles zu töten, was ihnen vor die Klinge kam. Es war  schon beinahe zu spät, als schließlich weitere Truppen aus dem Westen  dem anstürmenden Bösen in den Rücken fielen.

Selbst mit zahlreichen weiteren Siegen im Feld gelang es den Truppen der  Sonne erst im 177 Jahr des Krieges, das Böse gänzlich aus Sol Oritur zu  verbannen. Im Dunkelwald zu Notra hatten sich die wohl letzten Truppe  des Bösen gesammelt. Umringt von zahlreichen Barrikaden hatten sie dort  einen Kristall errichtet, der sie direkt mit den Priestern der Zitadelle  verband.

Über Wochen, gar über Monate hinweg, gelang es den Truppen des Bösen die  Angriffe abzuwehren. Immer wieder konnten sich sie auf weitere  Befestigungen zurückziehen und auch das dichte Unterholz des Waldes  erschwerte das Vorankommen. Jedoch unbeeindruckt von den teilweise  schweren Verlusten, folgte ein Vorstoß auf den nächsten. Und je häufiger  sie gegen das Böse anrannten, umso häufiger schafften sie auch, es  zurück zu drängen. Und am 98 Tag des 8327 Jahres des zweiten Zeitalters  geschah es dann. Eine von Kapura selbst angeführte Truppe schaffte es,  die letzten Barrikaden zu durchbrechen und bis zum Kristallplatz  vorzudringen. Gewillt, den Kristall zu zerstören, stieg Kapura mitten im  Getümmel von seinem Ross herab, reckte seine Klinge gen Himmel und  schlug zu. Der Kristall zersplitterte. Die Vorrichtung, die ihn aufrecht  hielt, brach in sich zusammen und ein grelles Licht fuhr durch die  Klinge, die den Kristall zerstörte.

Das Böse war besiegt, der Kontinent der aufgehenden Sonne befreit.

Musik ist für mich bereits seit vielen Jahren mehr als nur ein täglicher Begleiter. Von der ersten Vinyl, es war Darude – Sandstorm über die erste Sendung im Webradio bis hin zum ersten eigenen DJ-Equipment war der Wunsch Musik nicht nur zu hören sondern selbst zu gestalten, zu beeinflussen und sehr explizit zu erleben immer ein Fixpunkt in meinem Leben. Das sich mein Musikgeschmack dabei über die Jahren natürlich immer wieder verändert hat, ist natürlich ein normaler Vorgang. Man wird älter, man lernt neue Dinge kennen, man ist neuen Einflüssen ausgesetzt. All das ändert natürlich auch den Musikgeschmack.

Unabhängig von dieser, ja recht leicht zu ergründenden Veränderung im Geschmack habe ich in den letzten Jahren, aber ganz besonders in diesem Jahr, festgestellt, dass sich mein Style, vor allem, wenn es ums Auflegen geht, in Abhängigkeit der Jahreszeit verändert. Ganz gemäß dem Wetter wird auch mein Sound seit einigen Wochen immer „deeper“, melodischer und vor allem: düsterer. Tatsächlich würde ich sogar soweit gehen und sagen, dass ich mein Gespür für den Sound, der mich über den Sommer begleitet hat in gewisser Weise verloren und das für den düsteren aktuellen Sound quasi erneut gefunden habe. Tatsächlich fühlt es sich für mich sogar so an, dass ich es nicht mehr wirklich gebacken kriege den Sound des Sommers jetzt aufzulegen. Da fehlen auf einmal das Selbstverständnis und die Automatismen, die noch vor ein, zwei Monaten ganz selbstverständlich waren.

Entsprechend dem gilt also wohl für die nächsten Wochen und ggf. auch Monate: Bis das Wetter wieder sonniger wird, und der Frühling mein Musikgespür wieder für leichteren Sound begeistert, gibt es angenehm deepe und melancholische Klänge in den klangWELTEN.

Der Kapitalismus ist seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland die zunächst in der Bonner- und seit der Wiedervereinigung auch in der Berliner Republik das wirtschaftliche Fixum unseres Landes. Gut umhüllt von den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft hat sich der Kapitalismus in Deutschland lange Zeit durchaus als Salonfähig und zukunftstragend erwiesen ohne dabei derart aggressive Ansätze zu zeigen, wie es beispielsweise in den USA der Fall ist.

Inzwischen kann man dazu durchaus auch anderer Meinung sein. Der Kapitalismus in Deutschland ist längst zu dem Monster erwachsen, dass in den USA tausenden ihr Haus geraubt hat oder Krankenversicherungen für Kleinverdiener unerschwinglich macht. Statt sozialer Ausprägung entwickelt sich auch hier in Deutschland immer mehr eine – wenn auch noch abgeschwächte Form – der freien Marktwirtschaft.

Besonders drastisch zeigt sich das in einigen wenigen, aber durchaus entscheidenden Feldern des Zusammenwirkens von Staat & Unternehmen, den der in den USA schon lange geltende Trend Gewinne doch möglichst in Steuerparadiese zu verschiffen, die Verluste aber möglichst dort geltend zu machen, wo es die größten steuerliche Vorteile dafür gibt ist auch hier in Deutschland längst angekommen. Immer wieder werden Millionengewinne am Fiskus vorbei ins Ausland geschafft und die Aktionäre an den Börsen mit üppigen Dividenden versorgen zu können, während in Berlin gleichzeitig mit massivem Lobbyaufwand dafür gesorgt wird, dass sich die Politik ja nicht gegen diese Machenschaften stellt.

Und dort – im Zentrum unserer politischen Elite – treffen die Unternehmensvertreter immer wieder auf offenen Ohren, wenn es darum geht das ein oder andere Gesetzt so zu verändern, dass es den Unternehmen nicht zu gefährlich wird, Gesetze zu schaffen, die zweifelhafte Unternehmensmaßnahmen abzusichern oder steigende Kosten abzuwenden Das sogenannte Möwenpick-Gesetz mit dem das Kabinett Merkel II seinen Einstand feierte ist dabei nur ein, wenn auch sehr gelungenes, Beispiel für dies arge Verstrickung von Politik und Wirtschaft, die in gewisser Weise eigentlich in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen.

Zumeist jedoch scheint dieses gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Gesetzgeber und Arbeitgeber in den letzten Jahrzehnten jedoch zu einem einseitigen der Politik geworden zu sein. Immer wieder werden in Berlin Maßnahmen beschlossen, die es den Unternehmen leichter machen. Selbst der Mindestlohn wurde durch die große Koalition derart ausgehöhlt, dass er den meisten Unternehmen ausreichend große Schlupflöcher bietet. Und von einstigen Garanten des deutschen Solidarsystems – wie zum Beispiel der Parität bei den Krankenkassenbeiträgen – ist heute schon lange nichts mehr übrig. Versuche diese wiederherzustellen werden mit dem Mantra der deutschen Wirtschaftslobby "Das wird tausende Arbeitsplätze kosten" immer wieder abgelehnt oder auf die lange Bank geschoben. Manchmal scheint es inzwischen fast so, als sei es nicht mehr die Aufgabe des Staates ein gerechtes Klima für alle Bürger zu schaffen, sondern nur noch dafür zu sorgen, dass die Unternehmen die in Deutschland tätig sind genügend Mittel und Möglichkeiten zur Verfügung haben um ausreichend Gewinne für die oberen 10 Prozent zu scheffeln.

Das Ergebnis ist ein System, dass schon seit Jahren neben der Spur fährt und nach und nach die Arbeitnehmer*innen vergisst. Pegida & Co. sind also nicht nur eine Folge von gesellschaftlicher Radikalisierung, sondern auch von der Hörigkeit der Politik gegenüber der Wirtschaft. Wenn dauerhafte Gewinne privatisiert und Verluste verstaatlicht werden, dann muss leider damit rechnen.

Ich denke, es ist Zeit für eine neue Wirtschaftsform. Eine die sich nicht mehr nach den Interessen derjenigen welche Haben richtet, sondern ein ganze einfaches Ziel hat: Im Kollektiv zu denken, zu handeln und zu wirtschaften. Und nein, ich meine weder den Marxismus noch den Sozialismus, ich denke eher an eine neue Form. Den Kollektivismus

Würde unsere politische, wirtschaftliche & gesellschaftliche Denke wieder von Ich-Prinzip dieser Tage abrücken, könnten sich dermaßen viele neue Mittel und Wege ergeben um den Reichtum einer Gesellschaft deutlich besser zu verteilen ohne gleichzeitig dem zwanghaften Gedanken alle gleich machen zu wollen. Mit verpflichtenden Gewinnbeteiligungen für Arbeitnehmer, Parität bei sämtlichen Sozialversicherungen und einer von der Wirtschaft mitgetragenen Bildungsabgabe könnten wir viele zentrale Probleme unserer Zeit bereits jetzt lösen. Gehen wir als Gesellschaft diesen kollektivistischen Weg dann konsequent weiter können wir sogar Vorzeigeprojekte wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, gänzlich kostenlosen ÖPNV und vieles mehr finanzieren. Dafür jedoch scheint Ich-Deutschland leider noch nicht bereit.

Photo: CC-BY-NC Julie Falk / flickr.com

„Weißte noch Sichlinde“, schallt es an einem nebligen Montagmorgen durch die Küche von Otto Normalverbraucher, als dieser mit dem Handy in der Hand und der Zeitung vor der Nase irgendein Fachwort im Jahresrückblick seiner Tageszeitig nachschlagen will. „Weißte noch, dammals, als se inne Zeitung noch nicht mit diese komische Worte um sich geschmissen haben. Dat war noch ne Zeit….“.
Bereits ahnend, was sie erwartet, entgegnet Sieglinde nur „Dammas, Otto, bist du um diese Zeit noch vor die Tür gestanden und hast geraucht“ ehe sie sich schnell ins Wohnzimmer begibt um fern zu sehen. Otto hingegen ist wieder mal total in die Zeitung versunken und erinnert sich zurück an das inzwischen vergangene Jahr…

Gleich bei den ersten Gedanken an den Januar ist Otto wieder auf 180. „Weißte, watt die da mit dem Menschen da von die FDP gemacht haben“, flucht er lauthals los, „datt war ja wohl unter de unterste Gürtellinie wo man haben kann.“ Der Herrenwitz und die Affäre rund um Rainer Brüderle und sein angeblich sexistisches Verhalten hatte Otto schon von Anfang an nicht nachvollziehen können. „Das war schon bei mein Oppa was ganz normalet“, hatte er in der Kneipe damals argumentiert und auch seine Stammtischkollegen, selbst die Edeltraut, hatten ihm da zugestimmt. Kurz nach dem großen Aufschrei um den Herrenwitz hatte der ‚Schönwetter-Katholik‘ Otto schon den nächsten Grund gefunden, der ihn am Jahr 2013 so richtig störte. „Watt glaubt der ollen Bazi denn watt er is“, hatte er am Stammtisch groß geflucht, als einer seiner Saufkumpanen den Rücktritt von Papst Benedikt XVI angesprochen hatte. „Wenner dat nicht mehr kann, soller halt dat halt vonnet Fenster machen, wie der ollen Pole vor ihm“, argumentierte Otto immer wieder, wenn es um die gesundheitlichen Gründe, die zum Rücktritt des Papstes geführt hatten, ging. Sieglinde hingegen, Ottos Frau, hatte mit dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI weniger Probleme. „Ich halt von denne ganzen Oimels in diesen Kleidern eh nichts“, setzte sie Otto trocken entgegen, als er in der heimischen Küche anfing loszuschimpfen.

Die bloße Härte des Lebens bekam Otto – er war nach dem Papst-Rücktritt aus der Kirche ausgetreten – dann Anfang Juni zu spüren. Während des ‚Jahrhunderthochwassers‘ stand nämlich sein Keller unter Wasser und damit auch seine heißgeliebte Modelleisenbahn. „Jahre meinet Lebens hab ich in diesen Keller verbracht um datt so zu schaffen“, flennte Otto, als er nach drei Tagen endlich auch den letzten Rest Schlamm aus die Ecken gekratzt hatte. Noch schwerer als die "abjesoffene Modellbahn" wog für Otto aber das Verhalten der Kanzlerin. „Diese ollen Schreckschraube“, fluche Otto los, als er im Fernsehen sah, wie Merkel sich die Flutschäden aus der Luft ansah. „Dammals, als das noch diesen Schröder da in Berlin gemacht hat, da war datt ja watt janz anners, “ schnaubte Otto los. „Weiße noch Siechlinde, der is ja dammals mitte Gummistulpen über de Füß hier durche Gegend gelaufen und hat auch mal watt inne Pfoten genommen und zugepackt. Diesen Schreckschraube da vonne CDU is wieder nur inne Luft und macht ihren komische Raute mitte Hände. Wählen tu ich die nimmer, “ fügte er schließlich noch an und untersagte schließlich sogar seiner Frau, fortan irgendwelche Flutberichterstattungen zu kucken.

Besser wurde Ottos – nach der Flut durchgehend – miese Laune erst wieder, als er auf der Toilette in einer der „Weiber-Zeitschriften“ seiner Frau von der bevorstehenden Geburt des Kindes von „Kähte und dem William da“ lesen konnte. Denn heimlich war Otto, spätestens nach dem Thronjubiläum der Queen, ein bekennender Royalist geworden. Nachdem Otto kurz darauf seine Frau angespitzt und ausgefragt hatte, verbrachten er Stunde um Stunde vor der Flimmerkiste, um auch ja nichts relevantes zu verpassen. Als das „Blach“ dann endlich das Licht der Welt erblickt und die zahlreichen Fernsehsender sich in ihrer Berichterstattung mit Meldungen zum royalen Baby überschlugen, fing Otto dann wieder an über eine Monarchie in Deutschland zu sinnieren. „Schlössers hammer ja genuch hier überall, weißte Siechlinde“, fing er bei laufendem Fernseher zu sinnieren an, „Und den ollen Prinz vonne Preußen da, also nich der wo immer prügelt, sondern der wo der Oppa oder so noch eine von die Kaisers war, weißte Sichlinde, “ sprudelte es nur so aus ihm raus. Statt einem neuen Deutschen Kaiser gab es zu Ottos Leidwesen jedoch nur die Bundestagswahl. „Die machen ja nich mal mehr Wahlkampf oder sonstwatt,“ hatte Otto bereits kurz nach Beginn der heißen Phase geflucht. „Weiße, wenne damals denkst, was da war, als noch die Schröder Kanzler war, oder dammals, als der Schmidt da wiedergewählt, da hammse noch richtig umme Wählerstimmen gekämpft,“ lautete nicht nur bei Otto am Frühstückstisch, sondern vielmehr auch in seiner Stammkneipe der Tenor. Als dann sogar die CDU auf den klassischen Haustür-Wahlkampf verzichtete, wurde es Otto dann wirklich zu bunt. „Wenn die Ollen von die Merkel ihre Partei nichmal mehr fragen, ob ich die dummen Nuss denn wähle, dann krich se meine Stimme wirkich nimmer.“ Konsequent wie selten behielt Otto seine Meinung dann bei und mache seine Kreuzchen schlussendlich bei der AFD. Den Wahlabend verbrachte Otto dann gemeinsam mit seiner Frau Sieglinde vor dem Fernseher. „Dieset Krams mitte Prognoses is ja schon ne dufte Sache“, meine Otto schon kurz nach 18 Uhr und öffnete kurz drauf die erste Flasche Pils auf „datt ausscheide vonne Lüchner da um dieset komischen Asiaten da". "Weißte Sichlinde, diesen da wo uns noch versprochen hatte, dass datt mit die Steuer nu dann wenicher wird.“ Nachdem Otto am folgenden Morgen dann mit einem Blick in die Zeitung das vorläufige amtliche Endergebnis vor Augen hatte, verging ihm die Freude über das Ausscheiden der FDP schlagartig. „Gez hamma schon diese gelben Affen ausm Parlament geschmissen und trotzdem kriegen et die Sozen nich geschissen, die Mutti von ihrem Thron da zu schubsen, “ schnaubte Otto und beschloss, den Rest der Woche nicht mehr in die Zeitung zu blicken. Durchgehalten hat er diesen Vorsatz dann aber genau so wenig wie jene, die er sich noch am Sylvester-Abend des Vorjahres gemacht hatte.

So richtig auf die Palme gebracht hat Otto dann „dieset Prunkgedösel vonnem komischen Bischoff da.“ Passend zu Ottos der Kirche gegenüber eh schon abgeneigten Stimmung – er war wegen des Rücktritts von Papst Benedikt XVI ausgetreten – war der Millionenbau von Franz-Peter Tebarz van Elst in allen Medien. „Wenne dich mal ankuckst wasse da inne Kirche schon fürn Prunk machen, eh allet von unsern Steuergelder finanziert, dann fasste dich doch an Kopp, dass diesen ‚Penner‘ da mit seine Bagage noch sonnet Palast bauen muss. Die solln sich von ihre Kohle n kleinet Häusken kaufen oder sowat altes watt se ja eh schon haben renovieren“, meinte Otto zu seiner Frau Sieglinde. „Weiße, wir müssen ewich watten bis wir unsern Kohle wegen de Flut vonne Merkel bekommen, und diesen ollen Bischof baut sich dann aber sonne fetten Villa da vor die Kirch. Datt is doch nich richtig.“ Dass der Papst seinen Bischof dann nicht einmal sofort gefeuert, sondern ihr viel mehr „innet Kloseter aufn Urlaub“ geschickt hat, war für Otto der letzte notwendige Beweis dafür, dass „in dieset Verein da nich alles mitte rechten Dinge zugeht“.

…“Aber weiße was, Siechlinde“, raunte Otto schließlich los, als sein Kaffee längst kalt und die Zeitung ausgelesen war, „dat war gez doch nich ganz so n schlechtes Jahr gewesen.“

Die konservativen Eliten unserer politischen Klasse stecken in einer Glaubenskrise, das hat spätestens der endgültige Atommausstieg gezeigt. Seither versucht sich die Union – Deutschlands führende konservative Kraft – verzweifelt, ihr Profil als solche erneut zu schärfen. Auf wessen Rücken die „Schlacht“ dabei ausgetragen wird, ist für Angela Merkel, Norbert Geis oder Volker Kauder dabei offensichtlich nebensächlich, Hauptsache die eigenen Wähler, oder besser jene, die selbst noch in den 50er Jahren leben, sind glücklich. Wieso? Es ist Wahljahr. Was sich die Union dabei dieser Tage auf dem Gebiet der LGBT-Politik leistet, überschreitet jedoch auch für viele, die nicht direkt davon betroffen sind, die Grenzen des guten Geschmacks.

Getrieben vom Bundesverfassungsgericht mussten Union und FDP in den vergangenen Jahren mehr und mehr verfassungswidrige Benachteiligungen der eingetragenen Lebenspartnerschaft gegenüber der Ehe abbauen. Aus eigener Initiative hinaus passiert das unter den wachenden Augen von Angela Merkel nicht. Ihre Partei beschließt lieber auf einem Parteitag die Diskriminierung von Lebenspartnerschaften durch den Staat aufrechtzuerhalten, als dass sie diese abzubauen gedenkt. Wieso dem so ist, lässt sich zumindest für den Durchschnittsbürger nicht verständlich darlegen, denn die Ungleichstellung von eingetragenen Lebenspartnerschaften ist – und so sieht es auch das Verfassungsgericht – bisher in allen bemängelten Punkten nicht mit Artikel 3 des Grundgesetzes vereinbar.
Von den ureigenen Hardlinern der Union zu diesem Zeitpunkt wiederum der besondere Schutz von Ehe und Familie angeführt wird, ist dahin gehend lächerlich, dass genau dieses Argument vom Bundesverfassungsgericht in seinen Urteilen jeweils als nichtig abgetan wurde. Und ganz davon ab, was würde sich für Eheleute ändern, wenn gleichgeschlechtliche Paare gemeinsam adoptieren dürfen oder im Steuerrecht die gleichen Rechte hätten? Mir für meinen Teil fällt auf diese Frage keine Antwort ein, die länger als „Nichts!“ ist.

Norbert Geis sieht das anders. Der CSU-Hardliner fährt, nicht nur im Bundestag, gegenüber den homosexuellen Mitbürgern unseres Landes einen ganz eigenen Kurs. Ähnlich verhalten sich auch seine Kolleginnen Erika Steinbach oder Katharina Reiche. Zu den prominenten Gleichstellungsfeinden innerhalb der Union gesellt sich zudem noch Fraktionschef Volker Kauder und auch der ein oder anderen Landespolitiker.
Dass die Leitlinie dieser Vertreter des Volkes selbst in der Union nicht allgemeingültig ist, zeigen zunehmende Proteste aus den eigenen Reihen. Offen wird inzwischen von Abgeordneten der Unionsfraktion moniert, dass zu den Themen rund um die Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartnerschaft stets nur die gleichen, homophoben Fraktionsmitglieder sprechen dürfen. Eine andere Meinung aus der Fraktion wird von deren Führung nicht geduldet. Die Abteilung Attacke der Union hat im Wahlkampf nur ein Ziel: Polarisieren. Dafür wird diffamiert, gelogen und blockiert, was das Zeug hält, denn sonst wählt nachher auch Oma Erna lieber die Sozen…
Nicht auszudenken!

Wie verblendet manche Unionspolitiker dabei inzwischen sind, zeigt sich vor allem auch in den Äußerungen nach dem jüngsten Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum Verbot der Sukzessivadoption für Lebenspartner. Statt sich, wie es das Verfassungsgericht aber auch die Würde der Betroffenen gebietet, mit der Thematik zu befassen und diese schnellstmöglich umzusetzen wird von Seiten der Union – „Wer schützt eigentlich unsere Verfassung vor dem Verfassungsgericht“ (Erika Steinbach auf Twitter) – lieber gegen die Richter gehetzt, hinter vorgehaltener Hand gar von einem Angriff auf das Institut der Ehe gesprochen und ein Schreckensszenario nach dem andere gemalt. Die Betroffenen und deren Gefühle spielen dabei im populistischen Denken und Handeln der Hardliner von CDU und CSU keine Rolle. Wichtiger ist es vom Kindswohl zu predigen: „Ein Kind braucht Vater und Mutter“, oder „Nur mit Vater und Mutter kann ein Kind gut aufwachsen“ sind dabei die Lieblingsargumente von Norbert Geis, der gerne gleichgeschlechtlichen Paaren unterstellt, dass Kinder für diese nur ein Lifestyle-Gut wären.

Wie verbohrt die Unionsspitzen bisweilen sind, zeigte zuletzt einer der Hauptverhinderer der Gelichstellung, Volker Kauder, in einem Fernsehinterview. Dort untermaute er nicht nur die krasse Haltung seiner Fraktion zur Gleichstellung, sondern drohte vielmehr indirekt auch mit einer Abschaffung der eingetragenen Lebenspartnerschaft. Dies sei schließlich, so Kauder, im Gegensatz zur Ehe durchaus möglich.

Dass gerade junge Homosexuelle durch solche Aussagen und ein solches Auftreten der letzten großen Volkspartei auf ihrem schweren Weg zur Selbstfindung nicht gerade unterstützt werden, ist selbstredend. Erhöhte Selbstmordraten, häufiger auftretende Depressionen und andere psychische Probleme passen nicht in die Lebenswirklichkeit von Politikern, die mit ihrem Menschenbild in Zeiten des § 175 hängen geblieben sind.

In den Großstätten hat die Union seit der Bundestagswahl 2009 jeden Bürgermeister, der sich einer Wahl stellen musste, verloren. Ihren Anspruch als Partei für alle Bevölkerungsgruppen scheint sie inzwischen auch dem Machterhalt zu opfern. Hoffen wir, dass dies nicht klappt, denn Deutschland braucht eine Regierung, die sich an die Lebenswirklichkeit seiner Bevölkerung anpasst. Auch in Minderheitsfragen. In allen Fragen. Allen!

„Ich weiß nicht“, raunt Otto Normalverbraucher, als er morgens am Frühstückstisch sitzt, seinen Kaffee schlürft und in der Zeitung – sie gehört für ihn einfach zu einem guten Morgen – blättert. „Dammals, ja dammals, gingen die Jahre nich so schnell vorbei. Dat war da noch anners. Gez isset ja so, dasse die Jahresrückblicke quasi im Wochenrhythmus liest.“ Dann widmet er sich wieder ganz dem bedruckten Papier, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Er liest von Skandalen, Todesfällen, natürlich von Griechenland und und und….

…und dann fängt er an zu Überlegen. „Dammals, dat war im Januar. Samma weißte noch Siechlinde, dem ollen Wullf sein Kram? Hatte der nicht das Haus, oder war das nur seine Frau, die dem letzt dieses Buch geschrieben hatte….“ Viel lieber regt sich Otto derzeit ja über die Griechen auf. „Wemmer hier bald auch Krise haben, dann sind da die ollen Tzaziki-Fressen dran schuld“, flucht Otto, während er sich ein Stück Feta aufs Brot legt. Wie es richtig geht, so meint zumindest Otto, hätte man während der Europameisterschaft sehen können. „Dort haben unsere Jungs mal gezeigt, was sie von Sirtaki und Co. halten“, wettert er auf einmal los. Aber auf seine Tirade folgt ein leichtes Seufzen. Auf einmal hat Otto wieder die Italiener vor den Augen, wie sie nach dem Erfolg im Halbfinale feierten. „Drecksmistscheiße, das kann doch nicht wahr sein, immer und immer und immer wieder“, hatte Otto damals schon geschimpft. Heute kann er diesen ‚komischen‘ Torschützen „Ballogetthi, oder wie der hieß“ immer noch nicht leiden, seinen reflexartig ausgerufenen Italiener-Boykott hingegen hat er keine vier Wochen durchgehalten.

Nach dem Misserfolg der Löw-Elf war für Otto der Spaß am Fußball dann auch so plötzlich wieder vorbei wie bei den meisten Deutschen. Nur die Fähnchen am Auto-fenster hatten noch ein wenig länger eine Daseinsberechtigung. Otto hat nämlich Urlaub in Frankreich gemacht. Dort war gerade Francois Hollande zum Präsidenten gewählt worden. „Watt der Franzmann wählt is mir ja eigentlich schnuppe“, hatte Otto nach dem medialen Hype um Angela Merkels Wahlkampfunterstützung für Nicolas Sarkozy gesagt. Verwundert über den Erfolg des Sozialisten war der eher konservative Otto am Ende dann aber doch, irgendwie zumindest.
Was über das Jahr gesehen sonst so in Europa passiert ist, hat Otto, wenn es nicht gerade um irgendwelche Schulden, Kredithilfen oder anderweitige finanzielle Unterstützung für andere Staaten ging, relativ wenig interessiert. Nur die Diskussion um die Zukunft des Euros hat Otto und seine Stammtisch-Kollegen wieder so richtig in Rage gebracht. „Wären wa dammals bei de gute alte Mark geblieben, ker watt ging uns dat heute gut“, konnte man mehr als einmal laut und deutlich in Ottos Stammkneipe vernehmen. Noch angeregter wurden die Diskussionen nur, als es um das ganze Brimborium um das Thronjubiläum der Queen ging. „Mensch watt machen die da ein Uffriss wegen diese ollen Frau“, hatte Otto geschimpft, als er mit seiner Frau die Feierlichkeiten in der heimischen Flimmerkiste verfolgen durfte. „Überleg mal, watt hier los wäre, wenn der Gauk nach seiner Wahl sonne Party geschmissen hätte“, hatte sich Otto gedacht. Die Vorstellung einer deutschen Monarchie fand er dann aber doch nicht so ganz abwegig.

Richtig begeistert vom royalen Glanz war Otto dann während der beeindruckenden Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London. „Wie der Bond da mitter Queen, und dann dat Ding mim Fallschirm, überlech mal watt dat gewesen wär, unser Präsident, oder, noch besser, die Änschiee…“
Aber nun ja, dann haben Otto wieder nur die Medaillen für das eigene Land interessiert – Mitsingen bei der Hymne inklusive. Nach den Spielen war für Otto dann jedenfalls klar, dass er seinen nächsten Urlaub auf der Insel verbringen will: „Da rechnets ja doch nich so häufich wie gedacht. Datt kann man dann wohl ma machen.“

Dass Zwischendrin in Deutschland auch noch Landtagswahlen waren, hat Otto inzwischen fast komplett vergessen. Nur dass in NRW Hannelore Kraft im Amt bestätigt wurde, hat er noch gut in Erinnerung. „Die freut sich ja sogar richtig“, war seine erste Schlussfolgerung der Ansprache der frisch wiedergewählten Sozialdemokratin. Insgesamt ist Otto aber eher nicht an Politik interessiert. Anders wird das nur, wenn es irgendwo wieder etwas zu meckern gibt. In deutschen Boulevard-Medien sind in solchen Fällen Doktortitel inzwischen ein gefundenes Fressen. Auch Otto pflichtet inzwischen beim ersten leichten medialen Verdacht gegen einen Spitzenpolitiker gerne seinen Stammtisch-Kollegen bei, wenn es darum geht, gegen den Betroffenen zu wettern. „Nur Lügner und Betrüger da in Berlin, ich hab es schon immer gewusst“, fluchte Otto zum Beispiel, als der erste Verdacht gegen Annette Schavan laut wurde.
Noch lieber als auf Minister mit zweifelhaften Doktortiteln schimpft Otto aber inzwischen auf den Kanzlerkandidaten der SPD, Peer Steinbrück. „Der mit seine ganzen Vorträge da, watt der da für Kohle mit macht. Datt soll unsern Kanzler werden? Der is doch nur fürde Banke dann da. Solln die sich mal n Beispiel an die Obama da inne USA nehmen. Dat is n Politiker wie ichn mag. Weißte, so gradlinich und direkt“, hatte Otto noch vor der Wahl in den Vereinigten Staaten erzählt. Die US-Wahl direkt war ihm dann reichlich egal. Nur das Ergebnis musste stimmen. Tat es am Ende ja auch.

„Eigentlich,“ so stellt Otto aber fest, als er den letzten Schluck Kaffee getrunken hat, „eigentlich war 2012 gar kein so schlechtes Jahr. Mittem Nobelpreis für die EU hat das ja sogar noch watt zu feiern gegeben, wir sind ja alle so ein bissken EU.“

Als vor 20 Jahren in der Berliner Halle Weißensee die erste Mayday ihre Pforten öffnete, war für die damaligen Organisatoren in keinster Weise absehbar, was aus der Rettungsaktion für den Sender DT64 später werden sollte. 20 Jahre später, am 30.04.2011, trafen sich viele Acts der ersten Stunden wieder, um eine Party zu feiern, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte: Eine Party, die nicht nur für die deutsche, sondern vielmehr europäische oder gar weltweite Rave-Szene als Mutter gilt.

365 Tage vorher auf der Pressekonferenz der Mayday 2010 – "You make my day" war damals das Motto – erklärte Nikolaus Schär vom Veranstalter I-Motion, dass man sich die „Hallen hinter der Westfalenhalle 3b“ bereits angesehen habe und dass es zum 20. Jubiläum der Mayday etwas ganz Besonderes geben werde. Ein Jahr des Wartens verging, ehe ein sichtlich "geflashter" Niklolas Schär auf der Pressekonferenz wieder erklärte, dass man zum ersten Mal in der Geschichte der Mayday 27.000 Besucher in den Westfalenhallen begrüßen durfte. Es folgten Anekdoten von den Gründervätern der Veranstaltung, von den derzeitigen Verantwortungen und von den anwesenden Medienvertretern. Alle hatten eines gemeinsam: Das einzigartige Mayday-Feeling, dass bis heute kein zweiter Rave in dieser Art und Weise bieten kann.

Dass die 20. Mayday etwas ganz Besonderes werden würde, war für jeden der Besucher relativ früh klar. Nicht nur das spürbar höhere Besucheraufkommen, sondern auch die aufgefahrene Technik und ein Line-Up, das in seiner Extraklasse quasi sinnbildlich für die Entwicklung der Mayday steht: Acts, die heute als feste Größen aus dem Line-Up der Mayday teilweise gar nicht mehr wegzudenken sind, teilten sich die Bühnen der Floors mit unbekannteren, neuen und jungen Acts, mit Debütanten oder jenen, die wie Marusha nach einigen Jahren Pause wieder zu Gast in den Westfalenhallen waren. Was folgte, war für viele der Besucher eine Nacht purer Ekstase, eine Nacht voller „Massive Moments“ und „Cluture Flashs“, eine Nacht, die niemand, der dabei war, jemals wieder vergessen wird!

Für die unvergesslichen Momente dieser „Tanzveranstaltung“ sorgten dabei natürlich in erster Linie die Deejays und Liveacts, die dafür sorgten, dass die Westfalenhallen in ihren Grundfesten erzitterten, aber auch ein Fakt, den kein Verantwortlicher der Veranstalter, kein Deejay und auch kein Medienschaffender so hätte einplanen können: Die Meisterschaft des BVB! Zahlreiche Fußballfans „missbrauchten“ die Mayday quasi als Meisterfeier und sorgten mit ihren Outfits und in den Umläufen der Westfalenhalle 1 erklingenden Schlachtrufen für Anekdoten, die viele noch in einigen Jahren erzählen werden.

In Erinnerung wird vor allem auch das Set von Marusha auf dem Classic-Floor der Mayday bleiben, denn Zugabe-Rufe sind auf der Mayday bis heute eine Seltenheit. Doch nicht nur Marusha brachte die feierwütigen Raver im „Twenty Young Dome“ zum Kochen, sondern auch viele andere Künstler, die schon in den Anfangsjahren der Mayday für pure Ekstase bei den Ravern gesorgt hatten. Ob Ilsa Gold, Hardsequenzer, Ravers Nature oder das Classcis-Set der Members of Mayday – sie alle hinterließen bei den jungen Ravern bleibende Eindrücke von dem, wie es in den Anfangsjahren der Mayday gewesen sein muss. Bei denjenigen, die schon damals dabei waren, sorgten sie für Erinnerungsschübe, die bei nicht wenigen zu Gänsehaut geführt haben. Mit verantwortlich dafür war – das wird mit Sicherheit auch keiner der Deejays bestreiten – auch das Interieur des „Twenty Young Dome“, der ausschließlich mit Sound- und Lichttechnik aus den Anfangstagen der Mayday ausgerüstet war und dennoch keine Wünsche offen ließ.

Deutlich moderner als in der Westfalenhalle 4 ging es eine Rolltreppe höher in der Westfalenhalle 3B zu. Dort, wo seit Jahren das „Empire“ Zuhause ist, war mit einer hochmodernen Licht- und Soundinstallation dafür Sorge getragen, dass Len Faki, Gary Beck, Jeff Mills oder Sven Väth, der gleichzeitig zum Mayday-Geburtstag sein 30-jähriges Deejay-Jubiläum feierte, die Masse derart elektrisieren konnten, dass sich die Körper der Raver beinahe wie ferngesteuert zum Beat bewegten ohne dabei auch nur einmal daran zu denken, was noch kommen sollte.
Noch härter als im „Empire“ ging es in der „Factory“ zu sich, die seit 2008 in der jetzigen Form Teil der Mayday ist. Zu den brachialen Sounds von Showtek, Angerfist oder Hellsystem sorgten 75.000 Watt Soundleistung, 75 Moving-Lights und zahlreiche am Boden der Halle installierte Stroboskope für einzigartige Effekte.

Quasi das komplette Gegenteil zur „Factory“ war auch in diesem Jahr wieder das „Mixery-Casino“, der flächenmäßig kleinste Floor der Mayday. Während Deejays wie Tom Novy, Butch oder Dominik Eulberg für einen euphorisierenden Sound sorgten, taten goldene und silberne Stoffbahnen sowie zahlreiche Glitzervorhänge ihr restliches und garantierten eine einzigartige Atmosphäre.

Auch wenn die emotionalsten Höhepunkte – einmal abgesehen von den "Members of Mayday", die die Westfalenhalle 1 während ihres 30-minütigen Sets nicht nur einmal erbeben ließen – im Jubiläumsjahr wohl eher im „Twenty Young Dome“ zu Hause waren, hinterlässt die „Arena“, wie der größte Floor der Mayday so treffend heißt, auch in diesem Jahr wieder zahlreiche bleibende Eindrücke. Vor allem Lichtshow, die sich unter anderem aus 20 Lasern, 250 Moving-Lights und 200 Quadratmetern LED-Tafeln zusammensetze, aber auch die Soundanlage mit 330.000 Watt sorgten dafür, dass sich während der Sets von Top-Acts, wie Paul van Dyk, Westbam oder Turntablerocker, die Armbehaarung nicht nur einmal aufstellte.

Insgesamt haben die Veranstalter der Mayday das Jubiläum der Mutter aller Raves mehr als würdig gestaltet und ihrer Ankündigung vor inzwischen etwas mehr als einem Jahr beeindruckende Taten folgen lassen. Sollten sie sich jetzt noch dazu entscheiden den „Twenty Young Dome“ über dieses Jahr hinaus beizubehalten, so wird die Mayday auch in den kommenden Jahren die wohl geilste „Party“ des Ruhrgebiets bleiben!

„It began as a party, it turned into a movement, now it is religion! Forward ever, backward never!“